By your side-by Shingel

 

4.Kapitel

Schule. Dieses Wort war einfach nur schrecklich! In aller früh wird man aus dem Tiefschlaf gerissen, um dann einen ganzen Tag mit lauter Leuten ausgenommen Bill und Tom zu verbringen, mit denen man eigentlich gar nichts zu tun haben möchte. Und trotzdem konnte ich nichts daran ändern. So fuhren ich und Vi Tag für Tag zur Schule, um uns dort ein wenig zu langweilen und mit Hausaufgaben eindecken zu lassen und wieder nach Hause, um die Hausaufgaben zu erledigen und anschließend zu lernen, bis man Kopfweh bekam. Und so ging das bis endlich wieder das heißersehnte Wochenende vor der Tür stand. Endlich ausschlafen und was weiß ich was ich alles vorhatte. Auf jeden Fall genoss ich es richtig einmal nicht in dieses schreckliche Gebäude namens Schule gehen zu müssen. Ich freute mich schon richtig darauf mal wieder was mit Bill zu unternehmen. Auch wenn wir nur dasitzen und nichts sagen würden wäre ich schon überglücklich. Aber das war jetzt mein geringstes Problem. Denn ich musste noch für einen Mathe Test lernen, was mich schon wieder unglaublich ärgerte. Ich beschloss aber das Lernen erstmal zu vergessen und auf Morgen zu verschieben. Also verbot ich meinem Gehirn an Mathe zu denken und strich dieses Wort einfach aus meinem Gedächtnis. „Nici!“, schrie meine Schwester und riss mich so aus meinen Gedanken. Was hatte sie denn jetzt schon wieder für ein Problem, dass sie sich schon wieder die Seele aus dem Leib brüllte. „Was ist?“, rief ich neugierig zurück. Da sie mir keine Antwort gab machte ich mir die Mühe und ging unter größter Anstrengung in ihr Zimmer hinüber. „Die Jungs sind entdeckt worden!“, schrie sie mir ins Gesicht.
Ich war zwar nicht schwerhörig, kapierte aber trotzdem nicht gleich was sie meinte. Als Vi mein ausdrucksloses Gesicht sah erklärte sie mir noch mal langsam und deutlich, dass die Jungs gestern am Abend einen Auftritt hatten und sie dabei von einem  Produzenten, der zufällig in dem Club war und der sehr interessiert an ihrer Musik war entdeck worden waren und sie vielleicht einen Plattenvertrag bekommen würden. Und da viel es mir auch wieder Brühwarm ein, dass sie ja gestern ein Konzert gegeben hatten und ich Bill versprochen hatte, dass ich kommen würde, diesen wichtigen Termin aber vor lauter Lernerei total vergessen hatte. „Woher weißt du denn das?“, wollte ich von ihr wissen und langsam wurde mir bewusst was das, was den Jungs widerfahren war wunderbar war und fing zu strahlen an.
„Ich war dabei du Bimbo.“, bekam ich als Antwort. „Wieso hast du mich nicht mitgenommen?“, fuhr ich sie jetzt schließlich an.
„Na wollte ich ja eh, aber du hast mir dann gesagt, dass du jetzt lernst und nicht gestört werden möchtest, das ist ja noch mild ausgedrückt, wenn ich dir sagen soll was du mir an den Kopf geworfen hast dann hört sich das ganz anders an, du meintest nämlich, das ich mich verziehen und dich in Ruhe lernen lassen soll!“
„Du müsstest eigentlich schon wissen, dass mir ein Auftritt von den Jungs wichtiger ist als diese verdammte Schule, also wieso hast du mich nicht dran erinnert?“, schrie ich meine große Schwester an. „Und wieso soll ich mir von meiner Schwester alles gefallen lassen? Glaubst du es gefällt mir mich von dir ständig anbrüllen zu lassen?“, fauchte nun auch meine Schwester zurück. So schnell konnte man gar nicht Hallo sagen, war die Freude über die Jungs auch schon verflogen und das vorher so erfreute Gespräch hatte sich in einen richtigen Streit entwickelt. Nachdem wir uns noch länger so angeschrieen hatten verzog ich mich in mein Zimmer und knallte die Tür hinter mir zu. Man ich war stinksauer auf sie wieso hatte sie mich nicht daran erinnert, dass sie gestern gespielt hatten? Ich konnte nicht mehr klar denken, ich hatte Vi auch immer an wichtige Sachen erinnert. Ich musste mich zusammennehmen, dass mir nicht die Tränen kamen. Es ist komisch ich hatte mich nur mit meiner Schwester gestritten und ich musste schon fast heulen. Ich schaffte es aber doch, nicht in Tränen auszubrechen und beschloss einfach mal allein in den Park zu gehen. Falls es hier so was überhaupt gab.

 

Und es gab hier tatsächlich einen Park, ich musste zwar nach Magdeburg fahren aber was machte das schon. Ich war noch immer ein Mischmasch zwischen stocksauer und dem heulen nah. Ich stapfte einfach drauf los ohne zu schauen wo ich hin lief. Und auf einmal war ich wieder in dem Wald, wo ich neulich mit Vi, Bill und Tom war. Es kümmerte mich wenig, denn die Erinnerung daran brach mir das Herz. Ich konnte mich einfach nicht mehr beherrschen und schließlich kullerten mir Tränen an den Wangen herunter. Irgendwie übersah ich die Zeit und ich bemerkte zu spät, dass es bereits dunkel wurde. Blöderweise wusste ich auch nicht mehr wohin ich musste, weil ich vor einer Abzweigung stand und man schon fast nichts mehr erkennen konnte. Panik überkam mich. Ich wusste nicht was ich jetzt machen sollte und so sank ich auf den Waldboden. Irgendwann musste ich dann eingeschlafen sein. Irgendetwas kitzelte mich furchtbar im Gesicht. Ich strich über mein Gesicht und spürte irgendein Reptil über mich kriechen. Sofort war ich hellwach. Ich erkannte, dass eine riesige Spinne über mein Gesicht krabbelte. Vor Schreck stieß ich einen spitzen Schrei aus. Und erst jetzt fiel mir auf, dass ich ja noch immer im Wald war, genau vor der Abzweigung wo ich gestern nicht mehr weiter gewusst hatte. Ich sprang auf und es dauerte noch einige Minuten, bis ich mich von diesem riesen Schreck erholt hatte. So was sollte ich denn jetzt machen, jetzt war es zwar nicht mehr dunkel, jedoch konnte ich mich trotzdem nicht orientieren wo ich hin musste. Ach hätte ich doch nur in Geografie besser aufgepasst, dann wüsste ich jetzt wo Norden und die ganzen Himmelsrichtungen wären. So ein Mist aber auch. Jetzt kam mir die rettende Idee. Ich hatte ja total vergessen, dass ich mein Handy mithatte und ich anrufen könnte.
Stolz auf mich selbst und über meinen tollen Einfall zog ich mein Handy aus der Tasche, jedoch verflog die Freude auch gleich wieder, denn leider musste ich sofort feststellen, dass ich hier in diesem blöden Wald keinen Empfang hatte. War ja auch irgendwie klar, denn sonst hätten mich sicher schon Mama und Papa angerufen wo ich denn sei? Oje, die machten sich sicher schon totale Sorgen. Super echt!
In welche Richtung sollte ich denn jetzt bloß gehen?
Links, rechts oder geradeaus?  Ich mochte es nicht wenn ich so viele Möglichkeiten hatte, denn ich war immer total unentschlossen. Eine halbe Stunde später beschloss ich dann jetzt doch mal was zu unternehmen, bevor ich noch eine Nacht im Wald schlafen konnte. Also ging ich geradeaus weiter, denn irgendwann musste man ja auch aus diesem Wald wieder herauskommen oder täuschte ich mich da etwa? Nein ich täuschte mich nicht, denn nach einer guten Stunde kam ich auf eine geteerte Straße. Jedoch hatte ich keine Ahnung wo ich jetzt wieder gelandet war und so ging ich einfach weiter, die Straße entlang. Ich kam auch bald in die Stadt und stellte fest, dass ich in Magdeburg war. Oh Mann das war Kilometerweit von Loitsche weg war ich echt so weit zu Fuß gelaufen? Anscheinend schon, denn Magdeburg blieb Magdeburg und kam einfach nicht näher an Loitsche heran. Ausnamsweiße wusste ich mal was ich jetzt tun konnte. Ich war unglaublich stolz auf mich, da ich zum ersten Mal an diesem Wochenende wieder einen Einfall hatte, und zwar einen Guten. Ich beschloss nämlich jetzt mit dem Bus nach Hause zu fahren gut oder? Der Bus kam und froh darüber stieg ich ein. Doch ich hatte kein Kleingeld also musste ich Schwarzfahren, was mir nach dem turbulenten Wochenende aber nicht sehr viel ausmachte.
Und ausnahmsweise meinte es das Leben mal gut mit mir, denn es kontrollierte niemand, ob ich eine Fahrkarte hatte oder nicht. Nach einer halben Stunde kam ich endlich in Loitsche an, wo ich dann ausstieg. Es tat gut mal wieder vertraute Umgebung zu sehen. Ich ging die Straße entlang, bis zu unserem Haus. Was jetzt wohl auf mich zukam? Vermutlich konnte ich mir jetzt eine Predigt anhören, dass ich doch nicht einfach so weglaufen konnte und so weiter und so fort, dabei war das doch gar keine Absicht gewesen. Nun ja ich steckte den Schlüssel ins Schloss und drückte die Türklinge hinunter. Die Tür ging auf und ich stand im Vorraum, wo mich meine Eltern, Vi, Tom und Bill anstarrten.
Ich stellte mich schon auf alles Mögliche ein, aber was jetzt kam, mit dem hätte ich nicht gerechnet. Ich hätte mir gedacht, dass ich entweder in den Arm geschlossen wurde und mir eine Predigt anhören hätte können, oder dass ich mir einfach eine Predigt anhören hätte können. Doch anstatt dessen sagte keiner ein Wort und da es mir zu blöd war einfach nur herumzustehen ging ich nach oben. Nachdem ich erst einmal duschen war ging ich in mein Zimmer und schmiss meine Sachen auf den Boden und anschließend mich aufs Bett. Wurde ich denn jetzt mit ewigem Schweigen bestraft?
Das wäre genauso unfair wie wenn ich Vi Tom ausspannen würde.
Doch siehe da nach ein Paar Minuten öffnete sich dann meine Zimmertür und herein kamen meine Eltern. Und so wartete ich ab was sie mir zu sagen hatten. Sie taten nichts dergleichen und schlossen mich einfach nur in ihre Arme. Schließlich sagten sie dann doch noch zu mir: „Mach das bitte nie wieder.“
 Ich löste mich aus ihrer Umarmung.
„Wieso denken alle ich hätte das absichtlich gemacht?“, wollte ich von ihnen wissen, und klang dabei wohl etwas zu vorwurfsvoll.
Meine Eltern starrten mich nur an und gaben mir keine Antwort.
„Ihr denkt doch nicht wirklich, dass ich freiwillig gerne einen Tag lang im Wald umherirren und neben diesen Ekelerregenden Viechern auch noch übernachten wollte?“
Und wieder bekam ich keine Antwort. „Straft ihr mich jetzt alle mit Schweigen?“, wollte ich nun von meinen Eltern wissen.
Schließlich ergriff doch meine Mutter das Wort und sagte: „Weißt du eigentlich wie große Sorgen wir uns um dich gemacht haben?“
„Wieso bist du überhaupt weggegangen?“, fragte sie weiter.
Und so blieb es mir nicht erspart die ganze Story meinen Eltern zu erzählen.
„…Aber jetzt bist du Gott sei Dank ja wieder da.“, schloss mein Vater die Rede.
„Ja bin ich und ich habe nicht vor in nächster Zeit wegzulaufen.“, antwortete ich.
Meine Eltern gaben sich mit dieser Antwort zufrieden und gingen, nachdem sie mir noch eine Gute Nacht gewünscht hatten aus meinem Zimmer. Ich hatte nicht lange Ruhe, da kam Vi herein.
„Hey Nici“
„Hey“, begrüßte ich meine Schwester.
Was sollte ich denn jetzt sagen? Da mir absolut nichts Passendes einfallen mochte hielt ich einfach den Mund und wartete darauf, dass sie ein Gespräch anfangen würde, was sie dann auch gleich tat.
„Hör mal, es tut mir Leid was ich neulich alles so gesagt habe, dass meinte ich nicht so.“
Ich dachte über ihre Worte von neulich nach und mir fiel wieder ein, dass ich auch nicht gerade sehr nett zu ihr war.
„Ja mir tut es auch Leid, ich werde mich ab jetzt immer selbst an meine Termine die ich nicht verpassen will erinnern.“, entschuldigend sah ich meine Schwester an, die darauf zu lächeln anfing.
Und so schlossen wir uns auch schon gegenseitig in die Arme.
Ich war froh, dass ich mich mit meiner Schwester wieder vertrug.
Jetzt stand mir nur noch eine Unterhaltung mit Bill bevor. „Ach ja Bill.
Ich glaube er wartet unten im Wohnzimmer auf dich.“, meinte sie als ob sie meine Gedanken erraten hätte.

 

Oje meine Knie zitterten, hatte Vi ihm irgendwas erzählt wieso ich Streit mit ihr hatte?
Stufe für Stufe quälte ich mich hinunter und da sah ich ihn auch schon.
Sah süß aus wie er da so auf der Couch saß.
Um mich irgendwie bemerkbar zu machen sagte ich: „Hey.“
Er drehte sich um und sah mir ins Gesicht, irgendwie strahlte er Erleichterung aus. Er sagte nichts, sondern schloss mich nur in seine Arme. Ich hatte schon fast vergessen wie gut sich das anfühlte.
„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“, meinte er nun.
Ich sagte nichts, weil mir wie immer nichts einfiel, was ich sagen könnte.
Aber um die Stille zu brechen, sagte ich dann doch: „Ich weiß.“
Man was sollte das denn jetzt wieder, woher hätte ich das denn wissen sollen? Das hörte sich ja so an, als ob ich genau wüsste was er für mich empfand.
Na ja Bill schien es nicht zu stören sondern grinste nur.
„Ich habe gehört ihr habt jetzt einen Plattenvertrag?“, sagte ich nun zu ihm, um das Thema auch mal anzuschneiden.
„Ja das ist echt voll geil.“, meinte Bill, und über sein Gesicht huschte erneut eine Welle der Freude.
„Ich bin sooooooo unendlich stolz auf dich und deine Band.“, sagte ich zu ihm, was ich auch so meinte.
Und zum ersten Mal an diesem Abend küssten wir uns wieder.

5. Kapitel

Und die Welt drehte sich weiter und weiter und bald war die nächste Woche auch schon um. Es war eigentlich immer dasselbe ich quälte mich frühmorgens aus dem Bett um dann den ganzen Tag mit lauter Leuten zu verbringen, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun haben wollte außer natürlich mit Vi, Bill und Tom.
Aber dass war ja eh klar. Nach der Schule hetzt man sich nach Hause und hat es eilig um wieder pünktlich zum Nachmittagsunterricht zu kommen, wo ich mich dann noch mal ganze zwei bis drei Stunden langweilte, dann wieder nach Hause fuhr, Hausaufgaben erledigte, lernte und mich freute, wenn ich um sechs Uhr endlich mit allem fertig war und endlich tun konnte was ich wollte, dass dann auch tat und um neun Uhr todmüde ins Bett fiel, einschlief, am nächsten Morgen erwachte und der Spuck wieder von Vorne begann.
Ich freute mich immer wahnsinnig auf das Wochenende, das Gott sei Dank näher kam.
Aber heute musste ich noch einmal in die Schule bevor ich endlich ausspannen konnte.
Und ausgerechnet heute war auch noch Mathe-Schularbeit, der Schrecken meiner Träume.
Es läutete also zur Ersten Stunde und Mathe begann.
Ich bekam den Angabenzettel und staunte nicht schlecht über diese komischen Beispiele, die dort draufstanden, hatte ich so was denn schon mal gerechnet?
Ich konnte mich nur vage daran erinnern, hatte aber immer noch keinen blassen Schimmer wie ich dass rechnen sollte.
Also ging ich weiter und rechnete alles was mir einfiel, war zwar nicht so arg viel aber immerhin hatte ich schon mindestens zehn Punkte wenn diese Beispiele stimmten.
Ich war froh, als die Stunde endlich um war und ich mein Gehirn nicht mehr mit so sinnlosen Mathe Beispielen quälen musste.
Der Vormittag verging und nach 5 Stunden hatte ich endlich aus und da Freitag war hatte ich nicht mal Nachmittagsunterricht. Zum Glück!
Ich hatte schon lange nichts mehr mit Bill unternommen, und fand dass es eigentlich wieder einmal Zeit wurde dies zu tun.
Aber leider hatte er heute keine Zeit, weil er und die Band sich heute erstmals mit diesem Produzenten trafen. Ich tat Bill gegenüber so als würde ich das super finden, ich meine es ist ja nicht so, dass mich das störte, nein im Gegenteil ich freute mich für die Jungs, dass sie eine so einmalige Chance bekommen hatten, aber ich war einfach enttäuscht, weil Bill jetzt auch nicht mehr so viel Zeit für mich hatte.
Also hockte ich an diesem Nachmittag eben in meinem Zimmer und tat mir einfach selbst ein bisschen Leid, als plötzlich meine Zimmertür aufging und Vi hereinkam.
„Hey, hat Tom für dich auch keine Zeit?“, meinte ich zu meiner Schwester, obwohl ich die Antwort schon kannte.
„Ne leider nicht.“
Irgendwie hatte sie heute genauso miese Laune wie ich. „Was machen wir jetzt?“, wollte sie von mir wissen.
„Ach ich weiß nicht, kucken wir uns eine DVD an?“
„O.K. welche denn?“
„Keine Ahnung.“
Wir einigten uns nach langem überlegen auf Fluch der Karibik 2 und schauten ihn uns an. Ich kannte den Film zwar schon aber ich sah ihn mir normalerweise immer wieder gerne an, aber heute konnte er meine Laune einfach nicht bessern.
Ich war schon furchtbar müde, als der Film zu ende war und da es Vi genauso erging und keiner Lust hatte aufzustehen blieben wir auf meinem Bett liegen und mussten dann so eingeschlafen sein.

 

Ich spürte wie sich etwas in meinen Rücken bohrte, und wurde wach, es musste mitten in der Nacht sein, weil es so stockdunkel war. Ich bemerkte, dass es Vi’s Arm war der mich so drückte und ich versuchte in eine andere Position zu kommen, ohne dass ich Vi dabei aufwecken musste. Das war gar nicht so einfach, aber ich hatte es dann doch geschafft und schlief wieder ein.
Das nächste Mal wurde ich wach, als es schon total hell war und ich schon so dringend aufs Klo musste, dass ich nicht mehr schlafen konnte.
Also erledigte ich alles was gerade so anfiel und wollte gerade wieder in mein Zimmer, als ich unten in der Küche ein lautes Poltern vernahm.
Neugierig wie ich war, musste ich natürlich sofort hinunter, um nachzusehen, was los war. Und da sah ich meine Mutter noch im Pyjama stehen, sie sah todtraurig aus. Neben ihr lag eine Vase, die hinuntergefallen und in tausende von Einzellteilen zersprungen war. Als sie mich sah holte sie tief Luft und unterdrückte ein aufschluchzen. Und dann sagte sie es, dass das mein gesamtes Leben schlagartig verändern würde.
Sie erzählte mir, dass heute mein einziger und liebster
Opa verstorben war. Ich konnte gar nicht glauben, was ich da hörte. Das konnte doch nicht wahr sein. Es dauerte noch eine Minute, bis ich begriff was das hieß. Und als es mir klar wurde spürte ich auf einmal einen so gewaltigen Druck in meinen Augen und mir kullerten Tränen herunter, die sich schlagartig in einen Strom verwandelten und nicht mehr zu bremsen waren. Weinend fiel ich meiner Mama in die Arme, die mir sanft durch mein Haar strich und mit mir weinte.
Ich fühlte mich, als wie wenn man mir in mein Herz gestochen hätte. Und selbst das wäre nicht so schlimm gewesen. Meine Welt schien zusammenzubrechen und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich jetzt weiterleben sollte.
Ich hatte Opa so gerne gehabt, als wir noch in Kuchl gewohnt hatten, da hatte ich immer mit ihm Karten gespielt und das war total lustig gewesen.
Es war schon schlimm genug für mich, dass wir von ihm wegziehen mussten, und jetzt auch noch das. Und als mich dieser Strom von Erinnerungen durchfloss, verspürte ich noch einen stärkeren Schmerz.
Als Vi dann herunter kam und mich und Mama so sah, konnte sie sich wohl schon denken, dass irgendwas sehr schlimmes passiert sein musste. Und als sie es erfuhr erstarrte ihr Gesicht und sie brach ebenfalls in Tränen aus.
Und so verging der Vormittag und am Nachmittag Telefonierten meine Eltern mit lauter Verwandten aus Kuchl. Und bald stand fest, dass wir Morgen nach Salzburg fahren würden und dann solange blieben, bis alles vorbei war. Ich und Vi hatten uns wieder ein bisschen beruhigt, der Schmerz war aber immer noch genauso unerträglich und wurde mit jeder Erinnerung, die mein Gehirn abrief stärker und schlimmer.
Da Vi und ich es zu Hause nicht mehr aushielten, gingen wir spazieren, oder besser gesagt einfach nur an einen Platz, wo wir für uns waren, wo wir beide dann wieder begannen loszuheulen.
Ich war so mit meiner Trauer beschäftigt, dass ich gar nicht mitbekam, dass sich jemand näherte.
Vi schien auch nichts zu bemerken und so erschraken wir, als sich plötzlich zwei Jungs neben uns auf die Bank setzten.  Und natürlich waren es Bill und Tom. Oh Gott jetzt sahen sie uns auch noch so. Bill legte seinen Arm um mich und zog mich in seine Arme, wo ich mich ausweinen konnte. Verschwommen nahm ich war, dass Tom mit Vi genau das selbe machte. Als Vi sich wieder einigermaßen beruhigt hatte nahm Tom sie in den Arm und ging mit ihr weg. Ach wieso konnte ich nicht ausnahmsweise so wie Vi sein, sie konnte in solchen Sachen viel schneller das weinen aufhören, während ich da solche starken Gefühle entwickelte, dass es unmöglich war an etwas anderes zu denken. Wieso musste ich auch unbedingt so sensibel sein? Ich war vor lauter heulen schon so was von erledigt, dass mir einfach nur mehr die Tränen herunter rannen. Bill war geduldig und wartete, bis aus mir keine Tränen mehr hervorkamen.
Danach fragte er mich: „Maus, was ist denn los?“
Und als ich mir in Erinnerung rief was los war, kullerten mir wieder die Tränen herunter. Mit Mühe erzählte ich ihm was passiert war.
Ich wusste nicht was er in diesem Moment dachte, aber irgendwie schien er nachvollziehen zu können, wie es mir gerade ging. Betroffen schaute er zu Boden, um sich irgendetwas Tröstendes für mich einfallen zu lassen, was er dann auch schaffte.
Bill schien meinen Kummer zu spüren.
„Weißt du ich verstehe wie du dich fühlst, als vor ein Paar Jahren ein guter Freund von mir gestorben ist, fühlte ich mich genauso. Alle sagten mir, dass ich irgendwann darüber hinwegkommen würde, es würde seine Zeit brauchen, aber irgendwann würde ich es schaffen.“, erklärte er.
„Aber das ist bis heute noch nicht passiert.“
Konzentriert hörte ich Bill zu und er fuhr fort. „Was du jetzt empfindest, das wird niemals weggehen, nicht ganz jedenfalls.“, sagte er.
„Man wird nie wieder der Mensch, der man vorher war. Man hat jemanden verloren, und es ist, als wäre in einem etwas kaputtgegangen, und der Körper muss einen Weg finden, wie er das kompensieren kann. Wenn man zum Beispiel die rechte Hand verliert, dann lernt man alles mit der linken zu machen. Man wehrt sich natürlich zuerst dagegen, denn man ist sauer, weil man der Einzige ist, der diese Erfahrung machen muss, aber irgendwann übernimmt dein Körper die Regie und erledigt es praktisch von allein. Und du bist froh, denn du selbst würdest nur…“ Bill blickte zur Seite und schüttelte den Kopf.
„Du würdest nur bis in alle Ewigkeit deine kaputte Hand anstarren und versuchen, dich daran zu erinnern, wie es früher war.“
Als Bill das letzte Wort ausgesprochen hatte, hob er seinen Kopf und sah mich an.
Ich hatte das Gefühl, als hätte Bill noch nie zuvor mit jemandem so über seine Gefühle gesprochen und ich musste mich beherrschen, nicht erneut in Tränen auszubrechen. Es war so süß was er mir gerade gesagt hatte und ich sagte den Satz, den ich noch nie zuvor zu einem Jungen gesagt hatte. „Bill ich liebe dich.“, und das meinte ich auch so.
„Ich liebe dich auch Nici.“, antwortete er, zog mich zu sich und küsste mich.
 Ich hatte fast vergessen, dass es auch noch etwas so schönes gab. Und wieder einmal wäre dass ein Moment gewesen, denn man hätte festhalten sollen.
Da es schon sehr spät war, machten wir uns auf den nach Hause Weg. Bill nahm meine Hand und so gingen wir noch bis wir vor unserer Haustür standen.
„Morgen fahren wir nach Salzburg.“, sagte ich zu Bill, dass er wusste, dass wir nicht zu Hause sein würden.
„Ich werde dich vermissen.“, meinte er nur, und sah dabei etwas traurig aus.
„Ich dich auch.“, meinte ich. Wir küssten uns noch mal und dann kamen auch Vi und Tom. Tom hatte es tatsächlich geschafft, meiner Schwester ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, auch wenn in ihren Augen Tränen schwammen, sah sie etwas glücklicher aus, als wie vor vier Stunden.
Auch sie küssten sich noch einmal inniglich, genauso wie ich und Bill es nochmals taten, und dann war es an der Zeit sich für ein paar Tage zu verabschieden. Bevor wir endgültig im Haus verschwanden, flüsterte Bill mir noch ins Ohr: „Ich rufe dich an.“
Ich nickte ihm zu, und gab ihm somit zu verstehen, dass ich einverstanden war und dann ging ich ins Haus, wo ich gleich wieder von dieser schrecklichen Trauer eingehüllt wurde.

 

Ich sagte nur kurz Hallo und sah zu, dass ich in mein Zimmer verschwinden konnte.
Klappte hervorragend, keiner sagte etwas, dass ich herunten bleiben sollte oder so was in der Art und so stieg ich die Treppe hinauf ins obere Stockwerk.
Ich ging in mein Zimmer und besah mein Spiegelbild. Meine Augen sahen traurig und verweint aus. Ich versuchte mich mit irgendwas anderem abzulenken, um nicht immer an Opa denken zu müssen. Deshalb ließ ich mir nochmals die Worte von Bill durch den Kopf gehen. Es kam mir sinnvoll vor, was er gesagt hatte.
Dann fiel mir ein, dass ich zu ihm gesagt hatte, dass ich ihn liebe. Ich hatte immer gewartet und diese Worte nie über die Lippen gekriegt.
Ich packte mir ein paar Sachen zusammen, die ich nach Kuchl mitnehmen wollte und ging dann zu Vi hinüber, die auf ihrem Bett saß. Ich sah, dass ihr Tränen über die Wangen rollten, die sie sich aber hastig wegwischte, als sie sah, dass ich in ihrem Zimmer war. Ich setzte mich zu ihr und nahm sie in meine Arme. So saßen wir noch eine Weile da, bis sie sich wieder gefangen hatte. Ich wusste nicht, ob sie mit mir reden wollte, darum wartete ich noch ein bisschen, um zu sehen, ob sie ein Gespräch anfing. Sie tat nichts dergleichen und darum fragte ich sie einfach: „Wo bist du mit Tom hingegangen?“
Vi atmete tief durch, und sagte dann: „Ach er hat mir seinen Lieblingsplatz gezeigt, wo er hingegangen ist, als er sehr traurig war. Es war wirklich schön mit ihm.
Er wusste irgendwie immer was er sagen musste, um mich aufzumuntern. Und was hat Bill mit dir gemacht?“, wollte sie nun von mir wissen.
„Er hat mir davon erzählt wie es ihm ergangen ist, als sein Freund starb.“, antwortete ich ihr.
„Und ich habe heute das erste Mal gesagt, dass ich ihn Liebe.“, fügte ich noch hinzu.
Vi lächelte mich an und meinte, dass die Twins doch echt ein Goldfang waren. Da konnte ich ihr nur zustimmen.

 

Am nächsten Tag standen wir schon ziemlich früh auf, um möglichst bald nach Österreich aufbrechen zu können.
Und so saßen wir im Auto und hatten eine zwölf Stunden lange Fahrt vor uns.
Wenn die Fahrt problemlos verlaufen würde, wären wir um zirka halb Fünf in Kuchl.
Also hoffte ich, dass wir in keinen Stau kamen, dass ich dann noch ein bisschen schlafen konnte, bevor wir zum Beten in die Kirche gingen.
Und ausnahmsweise kamen wir mal in keinen Stau, sondern konnten ihn, weil wir schon so früh weggefahren waren umrunden. Während der Fahrt sagte keiner recht viel, was mir aber auch recht war, denn sonst hätte ich bestimmt wieder zu Flennen begonnen. Vi war heute auch nicht besonders gesprächig, an was das wohl lag, am frühen aufstehen, oder wegen der anderen Sache?
Etwas von beidem vermutlich.
Also lauschte ich einfach nur der Musik, die ich mir auf meinen I-Pod raufgespielt hatte. Gerade lief Tears in Heaven. Dieser Song passte genau zu meinen Gefühlen.
Nach geschlagenen elf Stunden waren wir dann endlich in Kuchl angekommen.
Es war jetzt halb vier, wir waren also eine Stunde früher als geplant angekommen, aber auch egal. So hatten wir wenigstens noch länger Zeit um uns noch ein bisschen von dieser anstrengenden Fahrt zu erholen.
Aber vorher fuhren wir noch zu unserer Tante und unserem Onkel, bei denen wir in den nächsten Tagen übernachten würden. Dort sah ich endlich meine Cousins und Kusinen wieder. Ich hatte mich schon lange darauf gefreut, sie alle endlich wieder zu sehen, allerdings hätte ich mir einen fröhlicheren Anlass gewünscht.
Als die ewige Begrüßerei dann vorbei war setzten wir uns alle ins Wohnzimmer meiner Paten und bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen wurde dann viel erzählt, von Magdeburg, unserem Neuen zu Hause, der Schule, und den neuen Arbeitsplätzen, die meine Eltern hatten, von dem wunderbaren Ort Loitsche, und dass es uns eigentlich sehr gut dort ging. Das waren ja alles wahre Fakten, aber ich konnte das Gefühl einfach nicht loswerden, dass ich noch länger hier bleiben wollte. Ich wollte zwar auch zu Bill und Tom zurück, aber wenn ich hier mein altes zu Hause wieder so sah, dann wollte ich unbedingt wieder hier sein.
Und vielleicht auch da bleiben.
Na ja nach einigen Erzählungen, was in Kuchl inzwischen so geschehen war gingen ich und Vi mit unserer Kusine und unserem Cousin nach oben, in deren Zimmer.
Dort erzählten wir ihnen noch andere Sachen von Deutschland so wie wir zum Beispiel auch Bill, Tom, Gustav und Georg erwähnten. Caro, so hieß unsere Kusine, wollte natürlich sofort mehr über die Jungs wissen, also erzählten wir ihr eben mehr über sie. Wir hatten unheimlich viel spaß, obwohl in meinem Herzen immer noch diese ewige Traurigkeit lungerte. Aber ich versuchte sie für ein paar Stunden zu vergessen. Was mir auch hervorragend gelang.
Als es dann halb sieben war, machten wir uns alle fertig, um zum Beten für unseren Opa zu fahren.
Dort stellten wir uns in einer langen Schlange auf, wo dann die Leute hereinkamen  die dann zu den ganzen Verwandten gingen, die in der Schlange standen, auch zu mir und Vi, um uns ihr Beileid auszudrücken. Natürlich war die ganze gute Stimmung dahin, denn man konnte die Traurigkeit aller Menschen deutlich spüren.
Später, als alles vorbei war, fuhren wir wieder zu unseren Paten und fielen da dann nach vier weiteren Stunden todmüde ins Bett, wo ich auch gleich einschlief.

 

Am nächsten Morgen weckte mich eine mir bekannte, aber schon lange nicht mehr gehörte Stimme. Ich musste nicht lange nachdenken, wer das sein könnte, denn ich hatte diese Stimme sofort wieder erkannt. Es war meine und natürlich auch Vis beste Freundin in Kuchl gewesen.
Sofort war ich hellwach. „Hanna!“, rief ich voller Freude und schloss sie in meine Arme.
Mann wie hatte ich sie vermisst. Langsam bekam auch Vi mit, mit wem ich mich unterhaltete und auch sie sprang gleich aus dem Bett, was einen Eintrag im Buch der Rekorde wert gewesen wäre.
Denn so was bekam man von Vi nur höchst selten zu Gesicht, dass sie Freiwillig aufstand, und noch dazu so schnell….
Aber na ja ich hätte es nicht gewagt ihr das so zu sagen, es sei denn ich wäre lebensmüde gewesen.
Auf jeden Fall waren wir drei früher immer die besten Freundinnen und es war nicht leicht gewesen Hanna einfach so in Kuchl zurückzulassen.
Und deshalb freute ich mich jetzt umso mehr, sie endlich wieder zu sehen.
Wir quasselten und unser Redestrom war nicht aufzuhalten. Ach wie sehr hatte ich dieses Gequatsche vermisst. Und ich hatte den Grund wieso wir hier waren schon fast vergessen. Aber nur Fast, denn das war unmöglich, ich konnte mir sowieso nicht vorstellen, dass ich diese intensiven Gefühle jemals vergessen würde, eben so wie Bill gesagt hatte.
Ach ja Bill, ich wollte ihn heute unbedingt anrufen und seine Stimme hören, also nahm ich mir das fest für den heutigen Tag vor.
Wir gingen hinunter in die Küche und frühstückten ein wenig, nun ich nicht wirklich, denn ich hatte keinen Appetit.

 

Am Nachmittag fuhren unsere Eltern, Vi, ich, meine Paten und Oma, Und noch mehrere Verwandte zu irgendeinem See, um den wir dann gingen.
Erneut konnte ich die bedrückte Stimmung, die herrschte spüren, und meine Freudigkeit sank wieder zum Nullpunkt.
Wie lange ging das ewige Hoch und Tief meiner Gefühle denn noch so?
Ich hatte diese ewigen Stimmungsschwankungen schön langsam satt.
Noch bevor ich Bill anrufen konnte vibrierte mein Handy und ich hatte eine SMS von Bill erhalten.
Hastig öffnete ich sie und las:

 

Hey maus!
Wie geht’s dir so?
Ich vermisse dich soooooo sehr und freue mich schon wenn du endlich wiederkommst.
Ld (Liebe dich) Bill

 

Darauf rief ich ihn schließlich an.
Es dauerte keine zwei Sekunden, bis Bill abhob. Es kam mir so vor, als hätte er schon gewartet, bis ich endlich anrufen würde.
„Hallo meine Süße!“, rief er übermütig ins Handy.
„Hey Bill.“, meinte ich nur und konnte mir ein grinsen nicht verkneifen.
„Wie geht’s dir so?“, wollte er auch jetzt wieder wissen.
„Es geht schon.“, bekam er zur Antwort.
„Das hört sich doch schon besser an.“, meinte er daraufhin.
Er hatte eigentlich Recht, denn ich hatte mich ja irrsinnig gefreut, als ich alle meine alten Freunde und Verwandten wieder gesehen hatte.
„Und was gibt es bei euch so neues?“, wollte ich nun von Bill wissen.
„Eigentlich nichts, außer das ich dich soooo doll vermisse.“
„Ich vermisse dich auch.“
In dem Moment hörte ich, dass jemand nach mir rief und beendete das Telefonat mit:
„Hör mal Bill ich muss jetzt leider auflegen, denn irgendjemand ruft mich, ich melde mich wieder bei dir. O.K.?“
„O.K. ich liebe dich.“, bekam ich zur Antwort. Ich fand es schön wenn er das sagte.
„Ich liebe dich auch.“, sagte ich noch schnell und unterbrach dann die Verbindung.

 

Wenig später machten wir uns wieder auf den Weg zur Kirche, wo dann das gleiche Spektakel wie gestern stattfand. Und als ich da so saß und für meinen Opa betete, trieb es mir wieder mal die Tränen in die Augen. War in letzter Zeit echt nichts Neues mehr.
Aber als das dann zu Ende war und wir wieder in unserem Heim waren, wurden noch Fürbitten für die Beerdigung die Morgen stattfinden würde zusammengesucht.
Ich durfte, sollte, musste, konnte, auch eine lesen. Sagen wir mal so ich hatte furchtbar schiss davor, weil ich Angst hatte, dass ich dort draußen in Tränen ausbrechen würde, aber trotzdem wollte ich ihm diese letzte Ehre erweisen. Als wir das auch alles erledigt und einstudiert hatten ging ich mit Vi zu Bett.

 

Dienstag, 30. Oktober. Ich hatte mich schon auf diesen Tag gefürchtet, seit ich denken konnte. Ich hatte immer Angst, dass dieser Tag einmal kommen würde, an dem ich für immer von einem wichtigen Menschen Abschied nehmen musste.
Und hier war er, dieser Tag, den ich mein ganzes bisheriges Leben immer verdrängt hatte. Langsam quälte ich mich aus dem Bett. Ich war wieder unendlich traurig und konnte an gar nichts anderes denken, als an das, was heute noch kam….
Ich wünschte ich müsste diese schwierige Zeit nicht durchleben. Aber auch dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt, wie unfair. Aber auch wenn er in Erfüllung gehen würde, irgendwann müsste ich wohl oder übel diese schmerzvolle Erfahrung machen.
Denn vor dem Tod konnte man nicht davonlaufen.
Ob man es wollte oder nicht, es ging nicht anders. Also ging ich hinunter, wo schon der Frühstückstisch gedeckt war. Jedoch hatte ich keinen Hunger, nein mir wurde schon beim Anblick von dem ganzen Essenszeug schlecht.
Also aß ich eben nichts, sondern nutzte die Zeit, um mir einmal in aller Ruhe alleine den Patenzettel anzusehen. Ich las:

 

Mein lieber Gatte, unser guter Vater, Onkel, Bruder, Opa, …

 

Und als ich diese Zeilen las fing ich wieder hemmungslos zu Schluchzen an. Ich konnte einfach nicht anders und versuchte erst gar nicht meine Tränen zu unterdrücken und so zu tun, als ob es mir gut ginge, nein ich hatte absolut keine Kraft mehr dies zu tun.

 

Der Vormittag verstrich und es wurde bald halb zwei, um halb drei sollte die Beerdigung sein, also richtete ich mich eiligst zusammen. Ich schlüpfte in meine schwarze Hose, ein schwarzes T-Shirt und schwarze Weste. Mama hatte zwar gemeint, dass ich mich nicht ganz schwarz anziehen müsste, aber ich wollte dass so, weil ich mich ja genauso fühlte. Schwarz, Traurig, Tod und leer. Dann ging es los. Wieder nahmen wir in der Halle Stellung auf, so wie an den Tagen zuvor. Und ließen die Beileidswünsche an uns vorüberziehen. Ich nahm schon kaum mehr wahr wer da alles kam, allerdings bemerkte ich, dass ein paar von unseren alten Freunden gekommen waren. Ich freute mich sie zu sehen, aber in meinem Kopf war es immer noch Schwarz. 
Und wie sehr ich mir auch wünschte diesen Tag nicht durchleben zu müssen, es wurde nichts daraus, im Gegenteil der schreckliche Moment des Abschiedes rückte immer näher. Je mehr ich daran dachte, dass Opa in einigen Stunden unter der Erde war, je mehr trieb es mir auch schon wieder die Tränen in die Augen. Denn das hieß dann, dass er wirklich nie wieder kommen würde und dass ich ihn nie wieder sah. Und diese Gedanken veranlassten mich zu einem lauten Aufschluchzer. Dass wiederum lenkte alle Blicke der anderen auf mich und dass konnte ich nun wirklich nicht auch noch brauchen, dass mir beim weinen Tausende von Augen über den Rücken blickten nein Danke! Auf das konnte ich leicht verzichten. Und Gott sei Dank wurde es den Leuten bald zu blöd mich ständig anzustarren, und sie widmeten sich wieder anderen Themen. Schließlich  begann die Beerdigung und wir gingen in die Kirche. Dort fing dann eine Orgel an zu spielen und wie immer mussten sie so schwere furchtbar traurige Stücke spielen, dass ich schon wieder mit den Tränen kämpfte. Ich sah zu Vi und merkte dass es ihr ebenso erging. Ich musste die ganze Zeit über immer an Opa denken, und ich hatte es echt schwer nicht ununterbrochen zu weinen. Ich kämpfte mit den Tränen, ich hatte sie ganz gut im Griff und bald kam es zu dem Moment an dem die Fürbitten daran waren. Ich hatte Angst, dass ich vor allen Leuten auf einmal in Tränen ausbrechen würde.
Meine Beine und Hände zitterten, als ich mich dem Altar näherte. Als ich dann die Treppen hinaufgestiegen war und zum Mikrofon ging spürte ich schon wieder diesen Druck, der kaum aufzuhalten war. Ich hörte Vi ins Mikro sprechen: Unser Opa,….
Als ich dann nach meiner Kusine dran kam klammerte ich mich an meinen Zettel, als ob er mich halten würde. Mit zitternden Händen begann ich zu lesen: …………… Nimm ihn auf in dein Reich des Friedens und der Ewigkeit, schloss ich meine Fürbitte ab. Mein Puls hatte sich wieder ein bisschen beruhigt und so startete ich den Rückmarsch zu meiner Sitzbank. Noch immer zitternd lies ich mich auf die Bank fallen und war froh, dass ich das hinter mir hatte. Irgendein Lied wurde wieder gespielt und ich konnte meine Tränen einfach nicht mehr zurückhalten, und so lies ich ihnen freien Lauf. Und wieder spürte ich diesen unerträglichen Schmerz, als ob ich niemals mehr glücklich sein könnte. Ich erinnerte mich an die Samstage, die ich mit meinem Opa verbracht hatte.
Nachdem die Zeremonie beendet war wurde noch ein Marsch durch den Markt durchgeführt, sozusagen die letzte Ehre für den Verstorbenen. Als Opa dann schließlich in das Grab hinuntergelassen wurde, spürte ich diesen furchtbaren Schmerz noch ein allerletztes Mal.

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